Das Herbstsemester 2020 findet in einer gemischten Form aus Online- und Präsenzunterricht statt.
Bitte lesen Sie die publizierten Informationen zu den einzelnen Lehrveranstaltungen genau.

851-0299-00L  Literatur, Kunst und Politik im Fin de Siècle in Paris, Wien, Prag und Berlin

SemesterFrühjahrssemester 2020
DozierendeS. S. Leuenberger
Periodizitäteinmalige Veranstaltung
LehrspracheDeutsch


KurzbeschreibungDie Epoche von 1885 bis zum Ersten Weltkrieg ist gekennzeichnet durch eine Atmosphäre der Spannung zwischen Endzeitgefühl und radikalem Erneuerungsbegehren. Die Analyse literarischer Texte aus dieser Zeit lässt erkennbar werden, in welcher Weise diese Texte Ereignisse, Tendenzen und drängende Fragen in Wissenschaft, Gesellschaft und Politik verhandeln, reflektieren und zuweilen konterkarieren.
LernzielIn Paris explodieren 1893/94 in der Nationalversammlung und an verschiedenen Orten in der Öffentlichkeit Sprengsätze, als Urheber der Attentate gelten Anarchisten. Auch der Dichter Mallarmé wird hinsichtlich seiner möglichen Mittäterschaft befragt, und er äussert sich sibyllinisch: „Je ne sais pas d’autre bombe, qu’un livre.“ Mallarmé behauptet damit weniger eine Analogie zwischen Poesie und Bombe, er versucht vielmehr, nicht zuletzt in seinem epochemachenden Gedicht Un coup de dés jamais n’abolira le hasard, reale Gewalt in die seiner Ansicht nach viel produktivere ästhetische Gewalt der Kunst einzubinden – so zumindest liest es der Literaturwissenschaftler Patrick McGuinness.
Was sind das für literarische Texte, die die Ereignisse und Entwicklungen um 1900 deuten und deutend vorantreiben? Die Vorlesung, die dieser Frage nachgeht, ist Teil des Kursprogramms Science in Perspective. Die Studierenden lernen zunächst, die Literatur des europäischen Fin de Siècle mit ihren grossstädtischen Zentren Paris, Berlin, Wien und Prag historisch zu situieren: Die Epoche von 1885 bis zum Ersten Weltkrieg markiert den Abschluss des durch Nationalismus, Imperialismus und Kolonialismus geprägten 19. Jahrhunderts und „das Ende einer Welt, die von der Bourgeoisie für die Bourgeoisie gemacht worden war“ (E. Hobsbawm). Neue Erkenntnisse in den Naturwissenschaften führen ab 1885 zu epochalen Umwälzungen in Wirtschaft und Industrie: Erfindungen wie der Benzinmotor, Telefon, Grammophon, Kinematograph, Rotationstiefdruck, Staubsauger, Flugzeug, Fernsehen und der Beginn der Fliessbandproduktion haben die zunehmende Technisierung aller Lebensbereiche zur Folge, die wir heute in noch gesteigerter Form erfahren. Durch das Anwachsen des Industrieproletariats entstehen v.a. in den Grossstädten soziale und politische Spannungen. Gefühle der Erniedrigung durch eine Autorität, die unumschränkt herrscht – der Vater, der Kaiser –, und die Empfindung der Handlungsunfähigkeit bergen sozialen Sprengstoff. Verhinderte politische Mitbestimmung bewirkt bei Teilen des Bürgertums und der Künstler den enttäuschten Rückzug in die artifiziellen Welten des Theaters und des Decadence-Interieurs. „Müdigkeit“ als Ausdruck des Fin de Siècle-Gefühls wird zum Schlagwort der Zeit. Der dynamische Prozess der Individualisierung und Spezialisierung, die Fülle ständig neuer Perspektiven führt zu Ängsten und Krisensymptomen. In diese Zeit fallen die durch den Physiker und Philosophen Ernst Mach formulierte These vom „unrettbaren Ich“ wie auch die Begründung der Psychoanalyse, der Stadtsoziologie und der Massenpsychologie. Zahlreiche Reformbestrebungen im medizinisch-hygienischen, sozialen und religiös-spirituellen Bereich berufen sich u.a. auf neue Theorien in Medizin und Biologie und lösen Debatten über Generationen- und Geschlechterverhältnisse aus.
Die Studierenden erarbeiten sich anhand von Studienfällen aus den literarischen und künstlerischen Strömungen Symbolismus, Jugendstil, Naturalismus, Wiener Moderne und Frühexpressionismus die Fähigkeit, in kompetenter Weise zu diskutieren, wie diese Texte die Fragen und Spannungen der Zeit reflektieren: Etwa, wie manche Autoren die von ihnen empfundene Sprachkrise, das Bewusstwerden der Unmöglichkeit einer Repräsentation der Welt durch Sprache, die mit der Infragestellung der Einheit des Ich einhergeht, zwar konstatieren, sie aber gleichzeitig auch schreibend erfahren wollen, also performen: Dies, indem sie sie in das Modell einer neuen Sprachlichkeit übertragen.
InhaltGelesen werden literarische und diskursive Texte u.a. von Stéphane Mallarmé, Stefan George, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Lou Andreas-Salomé, Ernst Mach, Hermann Bahr, Richard Dehmel, Christian Morgenstern, Sigmund Freud, Bertha Pappenheim, Else Lasker-Schüler, Arthur Schnitzler, Theodor Herzl, Robert Walser und Thomas Mann.